Editorial
Grammatik im DaF-Unterricht
Das Verhältnis von linguistischer und didaktischer Grammatik im DaF-Unterricht
wird schon seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Im besten Falle bereichern
beide einander, im schlechtesten Fall kapselt man sich voneinander ab. Die
Grundpositionen sind klar: Die didaktische Seite hält eine massive Komplexitätsreduktion
der grammatischen Beschreibung für geboten, Maßstab ist die kognitive Verarbeitbarkeit
bei den Lernenden. Auf der anderen Seite steht die Sprachwissenschaft, die
Präzision und deskriptive Adäquatheit anstrebt. Aus der Sicht der Lernenden
ist beides unbefriedigend: sowohl eine so komplizierte Darstellung, dass sie
nicht memorierbar oder praktisch anwendbar ist, als auch eine zu starke Vereinfachung
der Regeldarstellung, die zu falschen Ergebnissen führt.
Dieses Spannungsverhältnis von wissenschaftlicher Theorie einerseits und deren
Anwendung in der Praxis andererseits, das sich u. a. bereits in mehreren Themenheften
von Linguistik online niedergeschlagen hat (Linguistik online 9/2001, 10/2002,
41/2010), war Gegenstand eines Workshops, der im Rahmen der 4. Tagung "Deutsche
Sprachwissenschaft in Italien" im Februar 2010 abgehalten wurde. Ziel des Workshops
war, anhand ausgewählter Grammatikprobleme zu diskutieren, wie sprachliche
Phänomene linguistisch adäquat und zugleich in Hinblick auf die Praxis im Fremdsprachenunterricht
sinnvoll beschrieben werden können.
Die in diesem Band versammelten sechs Beiträge aus dem Workshop beschäftigen
sich mit insgesamt vier unterschiedlichen Themen, von denen zwei davon – Genus
und Tempus – gewissermaßen zu den Klassikern im DaF-Unterricht
zählen, während die anderen beiden Themen – kausale Verknüpfungsmittel und
Interrogationen – zu Unrecht eine oft untergeordnete Rolle spielen. Alle Autorinnen
kennen die Probleme der praktischen Vermittlung aus eigener Erfahrung.
Den Auftakt machen zwei Beiträge zum Thema Genus:
Marie Antoinette Rieger beschäftigt sich in ihrem Aufsatz "Genus
im DaF-Unterricht in Italien: Was machen die Lerner?" im Rahmen einer empirischen Untersuchung
mit der Frage, inwiefern die Genuszuweisung im Deutschen für italienischsprachige
Lernende überhaupt ein Lernproblem darstellt und an welchen sprachlichen Kriterien
sich die Lernenden bei der Zuweisung von Genus orientieren.
Marion Weerning greift in ihrem Artikel "Genus im DaF-Unterricht
in Italien: Was sagen Lehrwerke und Grammatiken" komplementär Fragen der didaktischen
Vermittlung des Themas Genus auf. Sie untersucht an italienischen Schulen und
Universitäten gängige Lehrwerke und didaktische Grammatiken, um zu ermitteln,
wie Lernenden in den Lehrwerken die Kategorie Genus nähergebracht wird, was
sie dort über das Genus und seine Funktionen sowie über Kriterien der Genuszuweisung
erfahren, und schließlich, wie Lehrwerke die Lernenden dabei zu unterstützen
versuchen, das richtige Genus mental zu speichern.
Zu einem Themenkomplex – der Distribution von Präteritum und Perfekt und einer
DaF-gerechten Umsetzung dieses Lerngegenstands – gab es gleich mehrere Beiträge,
die im Workshop in Form eines Panels diskutiert wurden. Zwei der Beiträge sind
in das vorliegende Themenheft eingegangen:
Korakoch Attaviriyanupap wirft unter der Überschrift "Der
Gebrauch des Perfekts –
Ein Erklärungsmodell aus thailändischer Perspektive" einen
Blick auf die Lernschwierigkeiten speziell thailändischer Lerner beim Tempuserwerb.
Sie spricht sich gegen zu große Vereinfachungen bei der didaktischen Regelformulierung
aus, etwa indem pauschal Präteritum vs. Perfekt mit geschriebener vs. gesprochener
Sprache verbunden werden. In ihrem eigenen Modell setzt Attaviriyanupap das
Merkmal Abgeschlossenheit an, es verbindet Tempus und Aspekt – für Sprachen
wie das Thailändische, welche zwar kein morphologisches Tempus, jedoch Aspektmarker
besitzen, kann auf dieser Parallele aufgebaut werden. Ebenso sollte auf die
Kontrastierung mit dem Englischen (simple past vs. present perfect) Wert gelegt
werden im Sinne eines DaFnE-Ansatzes ('Deutsch als Fremdsprache nach Englisch'),
der die Ressourcen der ersten Fremdsprache für den nachfolgenden Fremdspracherwerb
nutzen möchte.
Nicole Schumacher geht in ihrem Aufsatz "Nachzustand, Distanz
und Aspektualität als Komponenten einer formfokussierten Steuerung von Perfekt
und Präteritum" ebenfalls von einer aspektuellen Komponente bei der Bedeutungsbeschreibung
von Präteritum und Perfekt aus. Sie arbeitet mit den Konzepten Nachzustand
und Distanz, um die Distribution der Tempora zu erfassen. Besonderes Augenmerk
legt sie darauf, die Lerner auf Form-Bedeutungszusammenhänge im Sinne einer
formfokussierten Steuerung aufmerksam zu machen. Sie diskutiert schließlich
eine Reihe von Möglichkeiten, wie eine solche Formfokussierung in den Fremdsprachenunterricht
eingebunden werden kann.
Die letzten beiden Aufsätze des Hefts widmen sich schließlich der Beschreibung
und Vermittlung von syntaktischen Phänomenen:
Sabrina Ballestracci erstellt in ihrem Aufsatz "Die kausalen
Verknüpfungsmittel des Deutschen und des Italienischen. Eine kontrastive Beschreibung
unter formalem und funktionalem Aspekt" auf der Grundlage von fünf deutschen und vier
italienischen Grammatiken ein Inventar der kausalen Verknüpfungsmittel beider
Sprachen. Sie geht dabei von einem weiten, zunächst semantisch definierten
Kausalitätsbegriff aus. Auf die ausführliche Beschreibung der strukturellen
Merkmale der kausalen Verknüpfungsmittel folgt eine Zusammenfassung der Ähnlichkeiten
und Unterschiede, welche sich als Grundlage für eine kontrastive didaktische
Darstellung der deutschen Strukturen für italienische Lernende anbietet.
Martina Rost-Roth weist in ihrem Beitrag "Formen und Funktionen
von Interrogationen. Fragen in grammatischen Beschreibungen, empirischen Befunden
und Lehrwerken für Deutsch als Fremdsprache" nach, dass die Beschreibungen
von Interrogationen in Grammatiken den empirischen Befunden zu Fragesätzen
oft nicht gerecht werden; ein ähnliches Bild zeigt sich in DaF-Lehrwerken.
Dies ist für DaF-Lernende deshalb besonders misslich, weil für sie z. B. die
Fähigkeit zur Formulierung von Nachfragen zur Verständnissicherung hochrelevant
ist. Die Autorin plädiert deshalb dafür, Interrogationen im DaF-Unterricht
umfassender und auf der Grundlage von empirischen Untersuchungen systematischer
und verständlicher zu vermitteln.
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